Zurück

Heinz Marienfeld

Vom Badeort zum Nordseeheilbad

In der Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die Seebäder in Mode. Noch bevor Norderney zum Seebad erklärt wurde, weilten alljährlich zahlreiche Gäste vom Festland während der Sommermonate auf Norderney. Viel wußte man damals von der Heilwirkung der See noch nicht. Anders war es in England. Dort wurde der englische Arzt Richard Russel (um 1700-1771) durch langjährige Beobachtungen bewußt aufmerksam, wie günstig sich das Nordseeklima auf kranke Menschen auswirkt.
Wahrscheinlich ist, daß durch den regen Seeverkehr zwischen den Ostfriesischen Inseln und England, der auf Juist lebende Pastor Janus von den Erfolgen Russels hörte. Die daraus resultierenden Ideen veranlaßten Janus im Jahre 1783, eine Eingabe an den damaligen Fürsten von Ostfriesland, Friedrich den Großen, zu machen, in der er seine Erfahrung über die Heilbäder mitteilte. Erfolg hatte Janus keinen. Erst im Jahre 1797 entschieden sich die Stände auf Betreiben von Landphysikus Dr. von Halem und des Vorsitzenden der Ostfriesischen Stände, Freiherr von Inn- und zu Knyphausen (Schloßherr auf Lütetsburg bei Norden) zur Gründung eines Seebades.
Auf Beschluß Friedrich Wilhelm des II. von Preußen wurde am 3. Oktober 1797 das Nordseebad Norderney gegründet, als erstes deutsches Nordseebad. Die ersten Badeeinrichtungen waren primitiv. Ein einfaches Haus mit zwei kleineren Stuben, einer Küche und einem Aufenthaltsraum bildeten den Grundstock. Norderney zählte damals 106 Häuser, doch konnten nicht mehr als zwei Gäste pro Haus aufgenommen werden.
Die Statistik weist 1798 50 Besucher auf, doch bis 1802 war eine Steigerung bis 340 Besucher erreicht. Das Jahr 1804 weist die Rekordzahl von 500 Gästen auf. Die Gründer des Bades waren oft nicht erbaut über die Gleichgültigkeit der Insulaner, die allem Neuen mißtrauisch gegenüber standen. Im Laufe der Zeit erkannten sie doch, daß das Vermieten eine günstige Einnahmequelle ist. Der Badearzt Dr. Ufen berichtet aus dem Jahre 1805: Der Zweck dieser glänzenden Badeanstalt ist hauptsächlich wohl der, den Wohlstand dieser Insel und ihrer Einwohner zu fördern, dem Reiselustigen und Erholungsuchenden eine reizende Aussicht und zweckmäßige Gelegenheit dazu zu verschaffen, das bare Geld im Lande zu erhalten und Fremde herbeizuziehen und durch einen abwechselnden Zusammenschluß angesehener und fröhlicher Fremder sowohl als Einheimischer zum Vergnügen, zur Aufheiterung und selbst zur Kur der wirklichen Krankheit und Kränklichen beizutragen.
Während der Kriegswirren von 1806 1813 blieb das Bad geschlossen. Die französische Besatzungszeit ab 1810 brachte den Insulanern große Entbehrungen. Sie wurden zu Frontdiensten gezwungen, und ein Überbleibsel aus dieser Zeit ist die noch heute in den Parkanlagen liegende Napoleonschanze.
In der Zeit der Kontinentalsperre blühte der Schmuggel, und Chroniken sagen aus, daß sich Norderneyer Fischer lebhaft an diesem Geschäft beteiligten. Die Völkerschlacht bei Leipzig 1813, die Napoleon zwang, mit seiner Armee Deutschland zu verlassen, befreite auch die Insulaner vom fremdem Joch. Im Jahre 1814 wurde das Bad wieder eröffnet.
Die durch die Besatzung schwer ramponierten Badegebäude wurden auf Betreiben Dr. von Halems wieder instand gesetzt. Die Stände, die durch die Fremdherrschaft großen Schaden erlitten hatten, waren nicht in der Lage, das Seebad mit größeren Geldaufwendungen zu sanieren. Die Stände erklärten deshalb ihre Bereitschaft, das Seebad an das neugegründete Königreich Hannover abzutreten. (Ostfriesland wurde 1814 von Preußen an das Königreich Hannover abgetreten). Mit der Übernahme begann der Aufstieg des Seebades. Das Kurhaus wurde vergrößert, und das alte Badehaus durch ein neues ersetzt. Die ersten Baumanpflanzungen, die den heutigen Kurpark bilden, wurden vorgenommen, 1818 das Kleine und 1838 das Große Logierhaus gebaut.
Ein Förderer des Bades war König Ernst August, der 1837 die Regierung übernahm. Sein Sohn Georg V. verlegte sogar seine Sommerresidenz nach Norderney. Viele Fürstlichkeiten und vor nehme Familien verlebten den Sommer auf Norderney, und das Bad nahm einen großen Aufschwung.
Mit Beginn der hannoverschen Zeit zählte man 526 Fremde, im Jahre 1865 waren es 2815. Auch die Einwohnerzahl stieg 1864 auf 2815. Die ersten kleinen Hotels wurden gebaut, und die Inselbevölkerung begann, mehr und mehr sich auf den Fremdenverkehr einzustellen.
Von großer Bedeutung für die Insel war in jener Zeit die Verbindung mit dem Festland. Der erste Versuch eines regelmäßigen Verkehrs wurde 1835 von Hamburg aus unternommen. Auch Bremen, Emden und Leer entsandten Dampfschiffe. Aus dem Jahre 1849 wird berichtet, daß die Mehrzahl der Anreisenden von Emden, Leer und Bremen kamen. 1861 bestanden regelmäßige Dampferverbindungen zwischen Bremen, Emden, Leer, Norddeich, Hilgenriedersiel nach Norderney. Durch Schaluppen wurden die Gäste vom Dampfschiff geholt und durch bereitstehen de Wagen in den Ort befördert.
Einen großen Fortschritt erzielte Norderney nach Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Rheine -Emden und die dadurch regelmäßige Dampferverbindung von Emden aus nach Norderney.
Das Königreich Hannover wurde 1865 mit dem Königreich Preußen vereinigt, und damit stand Ostfriesland wieder unter preußischen Einfluß. Doch auch Preußen interessierte sich sehr für die Entwicklung des Nordseebades Norderney. Die Reisewege zur Nordsee wurden verbessert und die Eisenbahn im Laufe der Jahre nach Norddeich weitergebaut. 1872 fuhr das erste Routenschiff von Norddeich nach Norderney, das Dampfschiff "Stadt Norden". Um die Jahrhundertwende zählte man bereits 25. 927 Badegäste auf Norderney. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges erreichte Norderney eine Besucherzahl von 40. 000 Badegästen. In beiden Weltkriegen kam der Badebetrieb völlig zum Erliegen.
Verantwortliche Männer brachten das Bad schnell wieder voran. Die vorhandenen Einrichtungen wurden ausgebaut und verbessert. 1927 wurde das Kurhaus in seiner jetzigen Form fertiggestellt. Das Große Logierhaus wurde renoviert und das in Europa damals einzigartige Meewasserwellenschwimmbad fertiggestellt. Die konstante Wasserwärme von 24 Grad Celsius erlaubte nun zu jeder Jahreszeit eine Seewasserkur durchzuführen.

 

Zurück