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WernerStrüp †

Von Ebbe und Flut

Als das Ehepaar aus Bayern das Schiff verließ, regnete es in Strömen, und es war Ebbe. Als die beiden am nächsten Morgen an den Strand guckten, erreichte das Wasser die Strandburgen. "Donnerwetter", sagte der Mann, "muß das heute nacht geregnet haben!"
Aber Spaß beiseite. Die Gezeiten sind eine der eindrucksvollsten Erscheinungen an der See. Dabei machen sie sich nicht nur im Wasser bemerkbar, sondern auch in der Luft sind Gezeiten feststellbar, ja sogar am Erdboden konnte man Gezeitenerscheinungen messen.
Gezeiten, so sagt das Lexikon, sind senkrechte und waagrechte Bewegungen meist großer Wasserkörper unter der Einwirkung der Anziehungskraft des Mondes und der Sonne in Verbindung mit der Erdumdrehung. Vom englischen "tide" herkommend, werden sie auch Tiden genannt. Das Steigen des Meeresspiegels vom Tideniedrigwasser (Tnw) zum folgenden Tidehochwasser (Thw) wird Flut genannt. Der höchste Stand, der fälschlicherweise auch von Küstenbewohnern als "Flut" bezeichnet wird, heißt richtiger (Tide-) Hochwasser, der niedrigste Stand (Tide-)Niedrigwasser.
Isaac Newton, der große englische Naturforscher, fand 1687 erstmalig eine einleuchtende Erklärung für die Erscheinungen. Er wies nach, daß die gegenseitige Anziehung, Newton nannte es "himmlische Kräfte", die Gezeiten hervorruft. Die Größe dieser Anziehung hängt von der Masse und vor allem von der Entfernung der Planeten voneinander ab. So übt der nahe, aber kleine Mond eine bedeutend größere Anziehungskraft auf die Erde aus als die riesengroße, aber 400mal weiter entfernte Sonne. Wenn wir zunächst den Einfluß des Mondes allein betrachten, dann zeigt sich, daß die leicht verschiebbaren Wassermengen der Ozeane bestrebt sind, auf ihn "zuzufallen" und seiner Bewegung um die Erde zu folgen.
Da der Mond die Erde in 24 Stunden und 50 Minuten umläuft, dürfte nur jeden Tag einmal Hochwasser und Niedrigwasser auftreten. Die Erfahrung lehrt aber, daß zweimal täglich Ebbe und Flut eintreten. Das liegt daran, daß auch an der dem Mond entgegengesetzten Seite der Erde eine Wasserschwellung auftritt, die durch die Fliehkraft hervorgerufen wird. So müßte es regelmäßig alle 12 Stunden und 25 Minuten Hochwasser geben. Wer aber einmal einen Gezeitenkalender betrachtet hat, weiß, daß sich Hoch und Niedrigwasser um eine gewisse, sich täglich ändernde, aber im l4tägigen Rhythmus sich wiederholende Zeit verschieben. Denn bei der Entstehung der Gezeiten hat auch noch die Sonne ein erhebliches Wort mitzureden, und da die Erde sich um die Sonne dreht und der Mond um die Erde, da sich mithin die Anziehungskräfte täglich in Richtung und Stärke verändern, ändern sich auch mit ihnen die Hoch und Niedrigwasserzeiten.
In Wirklichkeit sind auch noch andere Umstände maßgebend, wie z. B. verschiedene Entfernungen der Gestirne, ihre wechselnde Höhe und schließlich sind auch noch geographische Gesichtspunkte zu berücksichtigen, insgesamt über zwanzig Faktoren. Zur Vorausberechnung der Gezeiten benutzte man Gezeitenmaschinen, von denen es auf der Welt etwa ein Dutzend gab. Eine Maschine befand sich im Deutschen Hydrographischen Institut in Hamburg. Sie steht heute im Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven. Heute werden die Werte durch Computer berechnet.
Der mittlere Höhenunterschied zwischen einem Tidehochwasser und den benachbarten Tideniedrigwassern wird Tidenhub genannt. Er beträgt auf den ostfriesischen Inseln zwischen 2,20 und 2,90 m, kann aber auch 20 Meter erreichen (Fundy Bay in Neufundland) oder auch nur 30 cm (Hirtshals in Dänemark). Den Veränderungen im Niveau entsprechen beachtliche Strömungen in der Waagerechten. Sie betragen in der Deutschen Bucht 60 cm/sec. , in Stromrinnen auf dem Watt 1-2 m/sec. und in manchen Strommündungen 3,25 m/sec.
In die Nordsee dringen zwei Gezeitenströme ein, einer nördlich Schottlands und einer durch den Kanal. Während diese Flutwellen an den westfriesischen Inseln nahezu parallel zur Küste verlaufen, weshalb die westfriesischen Inseln praktisch eine lange Dünenkette bilden, steuern die Gezeitenströme bei den ostfriesischen Inseln direkt auf diese zu und ergießen die Wassermassen durch die Seegats (Engpässe zwischen zwei benachbarten Inseln) direkt in das Wattenmeer. An der Stelle, wo sich zwei solcher Gezeitenströme im Wattenmeer treffen, entsteht ein erhöhter Rücken. Das Wasser läuft bei Ebbe nach verschiedenen Richtungen wieder ab (Wasserscheide), und bei Niedrigwasser kann an dieser Stelle das Watt überquert werden.
Nach so viel trockener Theorie abschließend noch die Erfahrung eines alten Insulaners. Wenn man Seewasser in eine Flasche füllt und diese dann verschließt, so sollte man die Flasche, wenn sie bei Ebbe gefüllt wird, nur bis zur Hälfte voll machen, da sonst bei Hochwasser der Korken herausspringt.

 

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