Zurück

Werner Strüp †

Die Fahrt zum Leuchtturm

Eine Ausflugsfahrt zum Leuchtturm muß jeder InseIbesucher einmal gemacht haben.
Man kann auf verschiedene Art und Weise dahin gelangen: zu Fuß, mit dem Bus, mit dem eigenen Wagen und besonders originell mit dem Pferdebus.
Zu Fuß empfiehlt sich der Spaziergang am Strand entlang bis zum Restaurant Oase (FKK-Strand). Von dort aus führt ein Weg übers Hochmoor direkt zum Leuchtturm. Für den Rückweg empfiehlt sich der Weg am Naturschutzgebiet vorbei oder aber man benutzt den Bus. Die Busse zum Leuchtturm (Linie Busbahnhof Meierei Golfplatz Flughafen Leuchtturm FKK-Strand) fahren im Sommer alle 30 Minuten vom Busbahnhof ab. Im Winter besteht bis zu 5 x täglich eine Verbindung.
Besonders originell ist eine Tour mit dem Pferdewagen zum Leuchtturm. Man muß sich hierfür rechtzeitig bei Visser in der Nordhelmstr. , Tel. 2336, anmelden, denn die Plätze sind sehr begehrt. Dieser Pferdewagen ist der letzte auf der Insel. Früher brachten diese Wagen Reisende vom Hafen in die Stadt. Ganz früher fuhren die Pferdebusse sogar bis an das Schiff heran, denn es gab noch keinen Hafen. Zu Beginn des Seebades wurde man von stämmigen Schiffern herübergetragen.
Als der Schiffer Raß die Königin Marie vom Schiff auf den Strand trug und er merkte, daß die Königin Angst hatte, soll er gesagt haben: "Och, Königliche Hoheit brauchen keine Angst zu haben! Ich halten Königliche Hoheit Ihren Königlichen Mors ganz fest, da kann ihm nichts passieren!".
Besonders für Kinder ist eine Pferdebusfahrt einmal zu empfehlen, denn die Kinder dürfen (auf Wunsch auch die Erwachsenen) auf dem Bock fahren und auch wohl die Zügel in die Hand nehmen. Der Weg über den Südstrand kann heute nicht mehr befahren werden. Früher war er der einzige Weg, der zum Leuchtturm führte. Anfang der 50er Jahre wurde eine Betonstraße zur Weißen Düne gebaut, über die nun auch der Pferdebus fährt.
Am Ende des Kiefernwäldchens steht ein vereinsamter Bahnhof ohne Schienen: der "Bahnhof Stelldichein". Im Krieg verlief hier eine Militärschmalspurbahn vom Hafen bis ins Militärsperrgebiet. An der Stelle des Bahnhofs trafen sich die Soldaten mit ihren Mädchen. Daher der Name. Noch heute kann man die Trasse an der Pflasterung der Betonfahrbahn erkennen.
Rund 200 m weiter liegt die Meierei. Dort wurde früher der größte Teil der für die Insel benötigten Milch gesammelt, da sich in der Nähe fruchtbare Weiden befinden. Heute werden diese Weiden als Pferdeweide und zum Heumachen genutzt. Im Reitstall an der Meierei und bei der benachbarten Reitsportgemeinschaft kann man das Reiten erlernen und auch eigene Pferde unterstellen.
Gegenüber hat der Schützenverein sein Quartier bezogen. An vielen Wochenenden finden dort Preisschießen statt, die von jedermann besucht werden können. Die Düne auf der rechten Seite wird Schwarze Düne genannt, wohl wegen des dunklen Aussehens.
Die nachfolgenden Wiesen können künstlich bewässert werden durch eigens dafür angelegte Kanäle. Mit ein bißchen Glück kann man hier auch Damwild sehen, das auf der Insel angesiedelt wurde.
Etwas weiter auf der linken Seite liegt ein eingezäunter, rechteckiger Hügel. Hier werden die auf Norderney gestorbenen Hunde und Katzen begraben. Auch Pferde liegen hier, wie man den Grabsteinen entnehmen kann und selbst einen angetriebenen Wal hat man dort beerdigt. Manchmal kann man es erleben, daß der Bus an dieser Stelle anhält und eine alte Frau aussteigen läßt, die am Todestage ihres verstorbenen Lieblings einen Strauß Blumen auf dem Grab niederlegt.
Geradeaus führt die Straße zur Weißen Düne. Wir biegen nach rechts ab und fahren die neu gepflasterte und teilweise asphaltierte Straße entlang. Sie stammt noch aus dem 2. Weltkrieg. Das Schild "kurvenreiche Strecke" bezieht sich noch nicht auf den FKK Strand, sondern ist tatsächlich ein Verkehrsschild. Wenn wir die S-Kurve durchfahren haben, kommt auf der linken Seite eine eingezäunte, sehr hohe Düne in Sicht. Es ist die höchste Düne Norderneys und die zweithöchste Erhebung Ostfrieslands. Der Gipfel liegt 20 m über Normal Null. Normal Null ist ein nach dem Amsterdamer Pegel festgelegter Wert, und liegt etwa in der Mitte zwischen Hoch- und Niedrigwasser.
Auf der rechten Seite liegt hinter Bäumen geschützt die Jugendherberge Dünensender. Im letzten Weltkrieg war hier ein wirklicher Dünensender vorhanden, der bis nach England gereicht haben soll und über den sich deutsche Spione verständigt haben. Der Sender ist während des ganzen Krieges nicht entdeckt worden. Er war als Bauernhaus getarnt.
Wenn die Straße wieder nach Osten abbiegt, haben wir das Naturschutzgebiet erreicht. Es liegt unmittelbar hinter den Dünen. Am Ende der Dünenkette rechts liegt der Campingplatz "Um Ost", der größte Campingplatz der Insel. Norderney verfügt über 4 Campingplätze, die alle mit den nötigen sanitären Einrichtungen versehen sind und auch über Elektroanschluß verfügen. Der Campingplatz "Um Ost" liegt auf einem Stück neugewonnenen Landes, einem Heller. Das Gelände ist sehr flach und wird bei Sturmfluten überschwemmt. Solche Fluten sind aber während des Sommers selten.
Geht man noch einige 100 m weiter, kann man dem Golfspiel zuschauen. Dünengolf ist ein besonders reizvoller Sport. Es gilt, den Golfball mit möglichst wenigen Schlägen vom Ablaufpunkt in das Zielloch zu schlagen. Der Golfplatz ist praktisch das ganze Jahr bespielbar, weshalb auch im Winter gerne festländische Golffreunde die Insel aufsuchen. Am Ende des Golfplatz hebt sich die Straße an, um über einen Deich zu führen. Dieser Deich wird im Volksmund Hungerdeich genannt, denn bei seinem Bau 1923 hat praktisch jeder männliche Insulaner mitgewirkt. Es handelte sich um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Seither ist das Gelände um den Leuchtturm vor Sturmfluten geschützt.
Vor 1923 kam bei Sturmfluten das Wasser bisweilen bis an die Leuchtturm-Düne, so wie auch bei den letzten Sturmfluten der unbedeichte Golfplatz überflutet wurde und den Inselosten vom westlichen Inselteil abtrennte. Ein Passieren war nur noch über die Dünenkette möglich.
Gleich hinter dem Deich ist vor einigen Jahren ein Wäldchen angepflanzt worden, das sich prächtig entwickelt hat. Durch dieses Wäldchen führt ein reizvoller Fußweg. Hinter dem schützendem Deich liegt der Flugplatz. Bei gutem Wetter starten und landen ständig Maschinen. Während des Sommers besteht regelmäßiger Linienflugdienst zu verschiedenen deutschen Städten, zu den Nachbarinseln, etlichen Küstenorten sowie nach Helgoland. Auch Rundflüge können Sie hier während des Sommers buchen.
Noch einige Straßenkurven und Sie stehen am Leuchtturm. Leuchttürme haben immer etwas Faszinierendes an sich. Wer denkt bei ihrem Anblick nicht an "Große Fahrt", an auslaufende und nach monatelanger Reise wiederkehrende Schiffe, an die christliche Seefahrt schlechthin! Leuchttürme sind auch heute noch für die Schiffahrt unentbehrlich. Sie zeigen den Schiffen bei Tag und Nacht den Weg. Damit man sie bei Tag nicht verwechseln kann, haben sie unterschiedliche Anstriche und Formen. Ihre eigentliche Aufgabe aber beginnt erst nachts. Dann strahlen sie Lichtzeichen und -blitze in die weite Nacht hinein und ermöglichen den Schiffen die Orientierung. Jeder Leuchtturm hat sein eigenes Blinksignal, seine eigene Kennung, wie der Fachmann sagt. Diese verschiedenen Kennungen und die genaue Lage der Leuchttürme sind in Leuchtfeuerverzeichnissen gesammelt, die es auf der ganzen Welt zu kaufen gibt, so daß auch Kapitäne von weit her genau Bescheid wissen können. Man kann den Winkel, den die Längsachse des Schiffes mit dem Leuchtturm bildet, messen und daraus den eigenen Standpunkt berechnen. Obwohl es längst Funkpeilungen gibt, wird dies Verfahren auch heute noch durchgeführt. Für deutsche Seeleute, die von weither kommen, sind die Leuchttürme mehr als Orientierungshilfen: sie sind erster Gruß der bald erreichten Heimat.
Der Norderneyer Leuchtturm wurde in den Jahren 1873/74 gebaut. Der Leuchtapparat wurde im Juni und Juli 1874 aufgestellt und seit dem l. Oktober des gleichen Jahres wird das "Feuer" jeden Abend bei Sonnenuntergang angezündet und brennt dann bis Sonnenaufgang. Nur während des Krieges wurde die Leuchteinrichtung nicht betrieben, um dem Feind keinen Orientierungspunkt zu geben. Die Höhe des Turmes vom Erdboden bis zur Spitze beträgt 53,57 m und die Höhe des Leuchtapparates über Hochwasser knapp 60 m.
Der Turm trägt einen Fresnelschen Apparat. Das Feuer ist etwa 24 Seemeilen sichtbar und besteht aus einem, durch Drehung des überaus kunstvoll zusammengesetzten Linsengehäuses um eine 2000 Wattbirne, und dadurch hervorgebrachtem Funkellicht. Diese Blitze sieht man nur von weitem; auf Norderney besonders gut vom Hafen oder der Georgshöhe aus.
Im Sommer werden regelmäßig Abendfahrten zum "strahlenden" Leuchtturm veranstaltet. Diese Fahrten sind sehr zu empfehlen. Das Panorama, das sich von der Höhe des Turmes bietet, ist von großem Reiz, weil die Fernsicht durch kein Hindernis getrübt wird. Selbst die Zugspitze ist von hier aus zu sehen. Allerdings nicht die in den Alpen, sondern die Zugspitze der Züge von Norddeich Mole.
So lohnt es sich, die 253 Stufen zum Turm hinaufzusteigen. Dabei sollte man sich warm anziehen, denn meist ist es auf dem Turm recht windig. Eine Wendeltreppe mit zahlreichen Absätzen führt bis unter die Aussichtsplattform; zum Schluß führt eine schmale Treppe mit nur wenigen Stufen auf die Plattform des Leuchtturms. Vor her muß man durch Unterschrift in ein Buch bestätigen, daß man den Turm auf eigene Gefahr besteigt. Die Bücher werden aufbewahrt und können später eingesehen werden. Wenn man die letzten Stufen etwas außer Atem erreicht hat und auf die Plattform heraustritt, blickt man direkt auf die Start- und Landebahn des Flugplatzes. Dahinter liegt der Hungerdeich und ein kleiner aus Betonplatten geschaffener neuer Deich, der die Landgewinnung fördern soll. Dahinter ist das Wattenmeer.
Ist Niedrigwasser, kann man meist einen der Wattführer dort laufen sehen. Das Inselwatt ist vom Festlandswatt durch eine Fahrrinne getrennt, die in Leuchtturmnähe noch große Tiefe hat, später (in östlicher Richtung) dann aber immer flacher wird, so daß man sie durchschreiten kann. Diese Rinne benutzen Schiffe nach Baltrum und Langeoog.
Auf dem Festland kann man den Mühlenstumpf von Ostermarsch sehen. Dieser Ort liegt etwa dem Leuchtturm gegenüber. Daneben die Sendemasten von Norddeich Radio, einem Sender über den man mit Schiffen in aller Welt telefonieren konnte. Noch weiter rechts der Hafen von Norddeich. Er ist gut an seinen Einfahrtleitdämmen zu erkennen. Bei guter Sicht kann sogar die holländische Küste sehen.
Wendet man seinen Blick weiter nach rechts, erkennt man die Stadt Norderney. Hinter dem Ort (besonders auffallend der Hafen, der Wasserturm und die Hochhäuser an der Kaiserstraße) liegt die Insel Juist. Etwas links davon eine weite Sandfläche mit nur wenigen Dünen: die Insel Memmert. Borkum ist nur bei guter Sicht zu erkennen. Blickt man in Richtung "offene" See, kann man die Dünenlandschaft bewundern. Vielleicht fällt manchem bei diesem Blick auch erstmalig auf, wie schmal doch Norderney ist. Die schmalste Stelle ist deutlich am Wasserturm zu erkennen. Wenden Sie sich jetzt weiter nach rechts und Sie sehen das Ostbad Weiße Düne und den FKK-Strand. Lassen Sie es bei einem Blick auf die Nacktbadenden bewenden und schauen Sie lieber noch etwas weiter in die Ferne.
Dort liegt der Großschiffahrtsweg mit zahlreich verkehrenden Schiffen von und nach den Häfen Bremen, Bremerhaven, Cuxhaven, Hamburg und Helgoland. Schauen sie sich beim Herabsteigen auch einmal die am Eingang des Leuchtturmes befindliche Seekarte an. Irgendwo weit draußen liegt die Insel Helgoland, die aber kaum zu sehen ist.
Gut zu sehen ist dagegen weiter rechts die Möwendüne mit der Peilbake und das am Inselende gestrandete, immer mehr im Sand versinkende Schiff. Sehr gut zu sehen ist auch die Insel Baltrum. Dahinter leuchtet der Wasserturm von Langeoog herüber und bei guter Sicht kann man bis nach Spiekeroog sehen. Schweift der Blick noch weiter nach rechts, sieht man wieder das Festland.
Hell grüßt der Strand von Neßmersiel herüber. Dieser Ort ist Ausgangspunkt für Wattwanderungen nach Norderney.
Sicherlich sind Sie jetzt vom Wind durchfroren. Einen Blick sollten Sie noch auf die Leuchteinrichtung werfen. Der Leuchtapparat allein hat (vor 120 Jahren!) 67. 050 Mark gekostet, der Turm mit dem Apparat und dem Wohnhaus der Leuchtfeuermaschinisten zusammen 198000 Mark. Heute wird der Leuchtturm nicht mehr durch Leuchtturmwärter bedient, sondern vollautomatisch ferngesteuert. Bei großen Windstärken schwankt der Turm an der Spitze bis zu 40 cm. Machen Sie doch ein paar "Luftaufnahmen" mit dem Fotoapparat, denn die sind von festen Punkten nicht genehmigungspflichtig. Wenn Sie nach dem Abstieg eine Stärkung nötig haben, stehen verschiedene Lokale in der Nähe zu Ihrer Verfügung.

 

Zurück