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Werner Strüp †

Die Überfahrt zur Insel

Norddeich Mole. Aus dem ruhigen beinahe verträumten Hafen während des Winters wird im Sommer ein Hafen voller Betrieb. Da hasten Menschen umher, legen Passagier und Frachtschiffe an, kommen Fischer mit ihrer Beute herein und suchen Autofahrer nach einem geeigneten Abstellplatz. Zu allem Überfluß kommt auch noch eine "singende" Elektrolok herein. Die Türen des Zuges werden aufgerissen und Urlauber strömen heraus. "Soll ich Ihren Koffer tragen?" fragt ein Schuljunge. Man hilft hier gern, denn nach getaner Müh wartet meist ein erkleckliches Trinkgeld. Ein vierschrötiger, schwitzender Herr wuchtet nun schon den dritten Koffer aus dem Zug. Da helfen keine Jungen mehr, da muß ein wirklicher Gepäckträger her.
Endlich haben sich alle Reisende aus dem Zug gedrängt. "Ist es hier aber windig" meint eine Dame und hält ihren Hut fest, den der Wind davon tragen will. Ja man ist an der See und das spürt man nicht nur am Wind. Die Luft ist hier so anders, so frisch . . . Eine wirkliche Erholung nach den langen Stunden im Zug.
Auch der Autofahrer, der aus seinem Wagen steigt, merkt das veränderte Klima. Er wartet, daß die Autofähre kommt, die ihn mitsamt Gepäck zur Insel herüberbringt. Das Beladen geht seit 1972 viel schneller vonstatten als früher, denn die Fahrzeuge können über das Heck des Schiffes auf das Wagendeck fahren.
Für Fremde ist Aufmerksamkeit geboten, denn nicht nur nach Norderney, sondern auch zur Insel Juist fahren von hier aus die Schiffe. Es ist schon vorgekommen, daß Reisende sich auf der verkehrten Insel wieder fanden. Ein Gong ertönt. Gleich legt das Schiff ab. Da kommt noch ein Herr mit wehender Krawatte und Aktentasche in der Hand. Er wird noch mitgenommen. Dann aber geht es endgültig los.
Der Abstand zum Kai wird immer größer. Der Urlaub hat begonnen. Norderney ist eine Insel. Das Wasser trennt. Für den Inselgast bedeutet die Schiffsfahrt Abstand vom Alltäglichen.
Was aber für den Gast Vergnügen ist, das ist für den Insulaner Last. Jede Einkaufsfahrt zum Festland wird durch die Überfahrt zur Reise. Wer die höhere Schule besuchen will, muß täglich zeitraubende Schiffsfahrten in Kauf nehmen und alle Lebensmittel für die Insel müssen mit dem Schiff hinübergeschafft werden, was sie erheblich verteuert. Der Hin und Rücktransport einer Flasche Bier kostet etwa 12 Pf. Diese Fracht können natürlich nicht die Händler tragen, sondern sie wird auf den Abgabepreis aufgeschlagen.
Nehmen Sie die Schiffsfahrt schon als Teil des Urlaubs und lassen Sie sich Zeit. Auf der Insel hat man sie auch. Genießen Sie bei schönem Wetter die Überfahrt, schauen Sie sich "ihr Schiff" an, sprechen Sie ein paar Worte mit den Matrosen oder dem Kapitän. Und rennen Sie nicht nach Fahrkarten. Die werden nicht nur auf der Mole in Norddeich verkauft, sondern auch während der Überfahrt. Sie brauchen übrigens nicht schon eine viertel Stunde vorher auf die Öffnung des Fahrkartenschalters zu warten. Der Kapitän hat genug Karten, er verkauft sie sogar, bisher hat noch jeder eine bekommen.
Laufen Sie auch nicht gleich zum Spiegel um Ihre Haare zu kämmen, die der Wind zerzaust hat. Über kurz oder lang werden Sie diese Tätigkeit ohnehin, da nutzlos, aufgeben. Schauen Sie sich lieber dafür um. Links und rechts des Schiffskurses oder backbord oder steuerbord, wie Sie besser sagen sollten, gibt es allerhand zu sehen.
An beiden Seiten sind hohe Steinwälle, sogenannte Leitdämme. Dahinter liegt das Watt. Nur bei Niedrigwasser können Sie es sehen, sonst ist es mit Wasser bedeckt. Das Wattengebiet auf der Steuerbordseite ist allerdings recht hoch und schaut noch bis eine Stunde vor Hochwasser aus dem Wasser.
Hinter dem Deich sind deutlich die Türme von Norddeich Radio zu erkennen. Norddeich hat als einziger Hafen keinen Binnenzufluß. Sonst sind Häfen meist an Sielen entstanden. Siele sind Deichtore durch die das Binnenwasser von der Geest über die Marsch ins Meer ablaufen kann. Dadurch entsteht im Watt eine natürliche Rinne, die man für die Schiffahrt ausnutzt. So etwas gibt es aber in Norddeich nicht. Zur heutigen Anlegestelle verlief früher ein Priel, die Osterriede. Diesen Priel hat man für die Schiffahrt genutzt. Da er jedoch wenig lagestabil war und häufig wanderte, hat man seitliche Leitdämme gezogen, die ihn festlegten. Im Laufe der Zeit mußte man die Leitdämme immer weiter verlängern. Von Zeit zu Zeit muß man die Fahrrinne auch ausbaggern, denn jede Flut bringt zahlreiche Sinkstoffe mit sich, die zum Teil abgelagert werden. Das Ausbaggern hätte wenig Sinn, wenn die Leitdämme nicht vorhanden wären. Dann ist der seitliche Zufluß so groß, daß die Rinne über kurz oder lang wieder versanden würde. Aus diesem Grunde hat es auch wenig Sinn, Fahrrinnen im Watt auszubaggern. In unserer Fahrrinne ist auch bei Niedrigwasser noch ausreichend Wasser und kann da her auch bei Ebbe noch befahren werden. Der Fahrplan ändert sich also nicht wie bei den anderen Inseln mit den Gezeiten. Das erweist sich vor allem für die Personenbeförderung von unschätzbarem Vorteil.
Wenn man über den linken Leitdamm bei Niedrigwasser schaut, sieht man übrigens die Westerriede, den Zwillingspriel zu unserer Osterriede. Beide münden in das Buse-Tief, das bereits eine erhebliche Wassertiefe aufweist und hinter den Leuchttürmen der Hafeneinfahrt beginnt. Für einlaufende Schiffe ist es besonders nachts nicht einfach sich zurechtzufinden.
Zur Orientierung ist ein ausgeklügeltes Leuchtfeuersystem angelegt worden. Auf den Enden der Leitdämme stehen meterhohe Türme. Sie leuchten nachts. Wenn man genau hinschaut, kann man vor den Lampen grüne und rote transparente Gläser sehen. So lange ein Schiff im grünen Lichtsektor (siehe auch Seekarte) fährt, befindet es sich auf dem richtigen Kurs und fährt genau auf die Hafeneinfahrt zu. Im roten Sektor besteht die Gefahr des Festfahrens und der Kurs muß schleunigst geändert werden. Ist die Hafeneinfahrt passiert, dann leuchten 2 Türme im Watt mit Blinklichtern den Schiffen den richtigen Weg. Es ist so zu fahren, daß die beiden Lichter übereinander zu sehen sind. Da die Hafeneinfahrt aber einen Knick macht, müßten die Schiffe, würden sie immer geradeaus fahren, unweigerlich mit einem Leitdamm kollidieren.
Ein englischer Kapitän soll einmal gesagt haben: "Eine KolIison auf See kann einem den ganzen Tag verderben". Daher ist auf der gegenüberliegenden Seite wieder ein Feuer aufgebaut mit einem grünen und roten Sektor. Sobald das Schiff abdrehen muß, um nicht zu kollidieren, ist der rote Sektor zu sehen. Dann nimmt das Schiff Kurs auf zwei neue Leuchtfeuer an der Mole.
Die Geschwindigkeit des Schiffes in der Hafeneinfahrt war gering. Jedes Schiff erzeugt nämlich eine Bugwelle, die gegen die Leitdämme klatscht und umso stärker wird, je schneller das Schiff fährt. Um auf Dauer Beschädigungen zu vermeiden, sind die Schiffe daher gehalten, in der Einfahrt langsam zu fahren.
Sobald die Hafeneinfahrt verlassen ist, nimmt das Schiff volle Fahrt auf. Es kann nun nicht direkt nach Norderney hinüberfahren, sondern muß um ein Festfahren zu vermeiden, genau den natürlichen Rinnen folgen. Diese Rinnen bilden sich von selbst durch das bei Flut hineinlaufende und bei Ebbe herausströmende Wasser. Die tiefen Rinnen sind übrigens relativ lagestabil, aber lokal ändern sie sich doch immer wieder einmal. Diese lokalen Änderungen gehen so schnell vor sich, daß eine Karte, wenn sie gedruckt ist, bereits als veraltet gelten muß. Die Kapitäne der Schiffe orientieren sich nach Seezeichen, die bei Veränderung der Wattströme verlegt werden. Dafür ist das Wasser- und Schiffahrtsamt, Abtl. Fahrwasser und Betonnung zuständig. Dort wo das Wasser ganz flach ist, werden Birkenbäumchen (die Pricken) gesteckt. Sie stehen von Westen her kommend immer auf der Backbordseite. Wo tieferes Wasser vorhanden ist, kann man Tonnen auslegen. Tonnen sind schwimmende (und keineswegs immer tonnenoder fassförmige) Seezeichen. Sehr häufig tragen sie Zusatzeinrichtungen wie Lampen, Glocken oder Heuleinrichtungen. Die Betonnung beginnt bereits vor den Inseln auf See.
Den Anfang macht eine Ansteuerungstonne mit besonderem Toppzeichen, Licht und manchmal auch akustischer Einrichtung. An sehr wichtigen Schiffahrtswegen werden Ansteuerungstonnen durch Feuerschiffe ersetzt. Gekennzeichnet werden immer die Fahrwasserränder. Um Tonnen zu sparen, werden die Tonnen meist alternierend gelegt. Beim Einlaufen eines Schiffes von See her, liegen die roten Tonnen auf der Backbordseite, die grünen auf der Steuerbordseite. Die roten Tonnen werden von See her aufsteigend mit geraden, die grünen mit ungeraden Ziffern bezeichnet. Befestigt werden die Tonnen durch starke Ketten, die mit einem Betonblock, der auf dem Meeresgrund liegt, verbunden sind. Bei Sturmfluten kann es passieren, daß die Tonnen verdriftet werden. Dann muß der Tonnenleger die Tonnen wieder an die richtige Position bringen. Bei einem Spaziergang über den Norderneyer Hafen, kann man mehr von diesen Tonnen sehen.
Von der linken Seite grüßt die Silhouette der Insel Juist herüber. Daneben liegt noch die Vogelinsel Memmert auf der nur der Vogelwart wohnt. Die Insel ist jedoch wegen ihrer geringen Höhe vom Schiff aus nicht zu sehen.
Vor uns liegt Norderney. Doch dauert die Fahrt noch eine ganze Weile, da das Schiff einen großen Bogen machen muß. Der Bogen ist um so größer, je niedriger das Wasser steht. Es muß nämlich einer Sandbank, der Steinplate ausgewichen werden. Auf der anderen Seite liegt die Brander-Plate, die in den letzten Jahren immer höher geworden ist und gegenwärtig fast auch bei Hochwasser herausschaut. Häufig kann man auf ihr sich sonnende Seehunde beobachten. Davor zweigt das Fahrwasser nach Juist ab. Das ist an den Pricken gut zu erkennen.
Hinter dem Juister Fahrwasser schaut bei Hochwasser eine einzelne Pricke mit einem besonders dunklen Busch an der Spitze heraus. Bei Niedrigwasser kann man auch wohl zwei "Hecken" erkennen. Es handelt sich hierbei um eine Arge. Argen sind Fischfangeinrichtungen. Bei ablaufendem Wasser verlassen alle Fische das Watt um sich in tiefere Rinnen zurückzuziehen. Sie werden von den v-förmig aufeinanderzulaufenden Strauchhecken in ein Netz getrieben aus dem es durch eine sinnreiche Konstruktion kein Entrinnen mehr gibt. Bei Niedrigwasser können die Fische dann abgeholt werden.
Unser Schiff nähert sich immer mehr der Insel Norderney. Etwas später fängt das Schiff ein wenig an zu schaukeln. Wir sind nun ins Norderneyer Seegat eingefahren, einer tiefen Rinne, die das Wasser aus dem Norderneyer und Juister Watt sammelt und in Richtung See transportiert. Das Norderneyer Seegat schmiegt sich dicht an die Insel an, und so fährt die Frisia auch dicht an Norderney vorbei. Seinen Ursprung hat das Seegat im Norderneyer Inselosten. Als Quelle fungiert eine Legde, eine Art flacher Teich.
Noch fünf Minuten und das Schiff läuft in den Hafen ein. Bitte rennen Sie nicht, denn es mußte noch niemand auf dem Schiff bleiben. Halten Sie beim Verlassen des Schiffes die Fahrkarten(Norderneycards) bereit und zeigen Sie sie einzeln vor, sollten Sie mit der Bahn gekommen sein bekommen Sie hier Ihre Norderneycard, die auch gleichzeitig Kurkarte ist.
Vielleicht stehen Sie vor der Frage Bus oder Taxi? Die Bushaltestellen liegen sehr dicht beieinander, so daß auch mit Gepäck durchaus eine Busfahrt sinnvoll ist. Sie ist preiswert (4,00 DM); wenn Sie allerdings zu mehreren Personen fahren, empfiehlt sich das Taxi, das dann preisgünstiger oder nur unwesentlich teurer ist.

 

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